Sonntag, 5. Februar 2012

Sibylle Laurischk 1848

Frauen und Frauenrollen

Während der Badischen Revolution entstehen durch die aktive Beteiligung vieler Frauen völlig neue Frauenrollen. Sie gilt nicht mehr nur als Mutter und Verführerin, sondern einige beteiligen sich aktiv an militanten Aufständen. Das Vorbild für das Vorgehen der Frau kommt wiederum aus Frankreich. Dort hatte Olympe de Gouges bereits 1791 die Forderung nach politischer Mündigkeit und Gleichberechtigung der Bürgerin öffentlich vertreten.


Für die Badnerinnen gibt es sowohl die sozialen als auch die nationalen Beweggründe. Bei ersteren bewegt sich die Frau kaum aus der ihr seit je her zugetragenen Verantwortung. Sie kümmert sich um familiäre und häusliche Belange und ist unterstützend tätig. Die zahlreich gegründeten Frauenvereine sammeln Spenden ? wobei sich diese Spenden nicht nur auf finanzielle Mittel beschränken, sondern auch Sachspenden in Form von Kleidung, Verbandszeug und Lebensmitteln zusammengetragen werden. Als herausragende Vereine sind der von Kathinka Zitz in Mainz gegründete und knapp 17oo Frauen starke "Huamania" zu nennen, außerdem "Germania" und "Concordia" aus Mannheim. Tätig sind dabei nicht nur Ehefrauen von kämpfenden Revolutionären, sondern auch zahlreiche Jungfrauen.

 



Einige Beispiele der Frauentätigkeiten aus Baden:

· Gründung von Frauenvereinen in Ettenheim, Freiburg, Lahr und Offenburg

· Veröffentlichungen der Aktionen, der Spendensummen und der Übergabe von Fahnen in lokalen Zeitungen

· In Steinach werden die Jungfrauen aufgerufen, "daß sie diejenigen jungen Leute, welche die Freiheit nicht vertheidigen würden, verachten und solche nicht heirathen sollten" (Pfrängle,28.5.1849)

· Kaufboykott von französischen und sonstigen ausländischen Waren zur Stärkung des deutschen Binnenmarktes

· Patriotische Jungfrauen drängen die Männer in verschiedenen Orten dazu, die revolutionären Kämpfe zu unterstützen


Die nationale Form der Beteiligung schafft ein ganz neues Bild der Frau - als aktive Kämpferin für die deutsche Einheit, die Anerkennung der Paulskirchenverfassung, eine bessere Bildung für alle, weibliche Mündigkeit und gegen die Monarchie und Kleinstaaterei. Sie tritt damit in eine öffentliche und politische Lebenswelt und wird vielerorts als "freche Dirne" oder "jähzornige Amazone" verschrien. Diese Reaktion erklärt sich daraus, dass die Anarchie im öffentlichen Raum viele mit großer Angst und Wut erfüllt. Die fordernde Frau bildet den idealen Sündenbock für dieses Durcheinander, da sie von je her als irrationales und triebhaftes Wesen gilt. Sie wird auch bei Gericht nicht geschont und oftmals kommt es schon vorher bei Siegen der konterrevolutionären Truppen zu gewaltsamen Übergriffen. Vergewaltigungen, Verstümmelungen und auch die Tötung von Frauen sollten deren Willen und Selbstbewusstsein brechen und die Übermacht der konservativen Kräfte demonstrieren.


Die Frauen, welche sich vorwiegend an den kämpferischen Auseinandersetzungen beteiligen sind diejenigen, welche am heftigsten von der sozialen Not betroffen sind. Die unter- und kleinbürgerlichen Schichten brachten ihre Wut in Tumulten und Plünderungen gegen die Oberen zum Ausdruck. Und besonders die Unternehmungen der Frauen zeugen von größter Überzeugung. Sie hatten im Gegensatz zu den Männern nie Waffen zugeteilt bekommen und sie werden im Falle ihres Todes auch nicht geehrt. Ihren Einsatz verantworten sie selbst. Und es dauert einige Zeit, bis die Bevölkerung diesen Willen anerkennt. Dann werden Frauen allerdings zu Märtyrern stilisiert und ihre Bereitschaft Leben zu opfern als perfekte Verbindung der Ideale Nation und Freiheit gefeiert. Denn die Frau opfert mit ihrem Tod für Freiheit nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihre Macht Leben zu geben. Sie gilt somit auch als Integrationsfigur - ihre Unterstützung wurde als moralische Rechtfertigung für den revolutionären Kampf gefeiert.

 

 

Nach dem Scheitern der Revolution emigrieren die meisten maßgebenden Frauen. Die Gedanken der Gleichstellung der Frau bleiben jedoch in den Köpfen verankert und gelten als Grundlage für ein Netzwerk von Frauenvereinen mit emanzipatorischem Anspruch, das nicht mehr auszulöschen ist.